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18.12.2018 : 15:22 : +0100

Der Fliegende Holländer- Stefan Tilch inzeniert Wagner am Pfalztheater Kaiserslautern

28.02.2010

Frei von Mätzchen, aktuell und dennoch werktreu- Frank Herkommer beobachtet für opernnetz.de einen Fliegenden Holländer mit schlüssiger Regiearbeit und großer Musik

 

Der Fliegende Holländer

Oper von Richard Wagner

Pfalztheater, Kaiserslautern

Premiere am 27. Februar 2010

Erlösung in globalisierten Zeiten

Eine Art Hologramm lässt Senta während der Ouvertüre halb durch den Bühnenraum schweben, halb fallen, Erlösung und Opfer in einer Bewegung. Durchgespielt wird in einem Akt, was der dramaturgischen Anlage sehr entgegen kommt. Nebel wabern, die Ebenen verschwimmen, ein Schiff, geladen bis an den Rand mit Zeit, ein grandioses Eingangsbild, das die Korrelation allen Geschehens, die Ungleichzeitigkeiten der einen Welt bedrückend widerspiegelt.

Rechts oben der erstickende Mief der kleinbürgerlichen Welt, bedrängend verdichtet in der Nippesbude mit säkularem Strahlenkranz einer gerundeten Neonröhre, wo Kapitän Daland die Versorgungsehe seiner Tochter Senta vorbereitet. Auf dem Dach in und unter Norwegermuster und Lappenmütze seine Crew, die im globalisierten Finanzhaifischbecken in anachronistischer Biederkeit auf kleine Fische Jagd macht. Das Biwakzelt links auf dem Deck für Erik, den Aussteiger, mit Doktor Samedi-Hut und Rüschenärmeln, die moderne Variante zum Archetyp Jäger. Halb Tramp, halb Bohèmien, die Kunst als Refugium, in der der Traum vom Substantiellen wach gehalten wird. Mit tiefen Zügen aus der Schnapsflasche, dem Bildnis von Senta auf der Staffel, Rahmen Marke Kitschabteilung in deutschen Wohnstuben. Illusionsfördernd wie ein fehlinterpretierter Händedruck und so vieles andere im Reich der Liebe. Die Belle Etage auf dem Ozeanriesen, der Bezirk des Holländers. Seine Untoten an Bord des Lebensschiffes, das sind die Frauen seiner erotischen Biografie. Die orphische Wiederkehr derselben Püppchen, Sexualität mit Fetischcharakter, morbide und beschädigt. Eine Meisterleistung die phantasievollen Kostüme, für die Christl Wein zuständig ist.

Auch der Holländer träumt von der Erlösung durch eine wie Senta, von Treue, die er liebt und hasst, wenn seine Wurfpfeile auf das unvergleichlich schöne Bildnis treffen. Der Holländer mit nackter Brust, Seidenanzug, hermetischen Symbolen auf Haut und Amulett. Und unten im Rumpf der globalisierten Arbeitswelt die Wäscherinnen aus aller Welt, mitten drin Senta, seelenverwandt einer Seeräuberjenny, die ihre jugendliche Finalität und ihre gnostischen Errettende- Gerettete-Phantasien pflegt und auf den Hochzeitssmoking über der Schneiderpuppe projiziert.

Ein technisch perfektes, inhaltlich klug durchdachtes, ästhetisch ansprechendes Bühnenbild, für das Thomas Dörfler verantwortlich zeichnet. Ein Dreh, schon zeigt sich in der herausstellenden Vereinzelung die Disparatheit in der globalisierten Welt. Das Schiff des Holländers, auf diese Weise isoliert herausgestellt, deutungsoffen, je nach Lichteinfall ein Twin Tower, Mainhatten, Parteizentrale in Berlin. Die Herrschaft der Systeme über den Menschen wird Architektur. Regisseur Stefan Tilch, Intendant am Landestheater Niederbayern, gelingt es, die Geschichte sich selbst erzählen zu lassen, auf spätpubertäre Mätzchen zu verzichten, Szenen durch geschickte Personenführung zu verdichten, die verschiedenen Strömungen der Rezeptionsgeschichte aufzunehmen, zu aktualisieren, ohne zu banalisieren oder die Geschichte als Vehikel eigener Botschaften zu missbrauchen und zu überladen. Eine sehenswerte, schlüssige, an Überraschungsmomenten reiche Inszenierung.

Das Orchester unter Leitung von Till Hass wächst einmal mehr über sich hinaus. Große Wagnermusik mit Gänsehauteffekt. Hass verzichtet darauf, einen Sängerstreit mit dem Orchester zu provozieren, ohne dass die prometheische Musik das geringste an Dynamik verlöre. Die Chöre, einstudiert von Ulrich Nolte, leisten Großartiges. Und Erstaunliches, gemessen an ihrer Größe.

Mit Bayreuthsänger Andreas Macco in der Rolle des Holländers gelingt Tilch eine Idealbesetzung. Die elegante Stimme vereint jugendliche Dynamik, erotische Färbung und seelische Reife. Unprätentiös und darum um so überzeugender im Spiel. Überragend auch die beiden Haussänger, Sopranistin Adelheid Fink und Tenor Steffen Schantz. Ihre Senta mit jugendlicher Finalität und utopischem Überschuss. Die Stimme absolut reif und geeignet für die großen Wagnerpartien, weit ausgreifend und anrührend in einem. Einfühlsam und schwebend in den Piani, dramatisch im Mezzoforte. Steffen Schantz als Erik, die Tenorstimme ebenso jubelnd wie kraftvoll. Ein Sänger mit ungeheurem Potential. Michael Dries überzeugt in der Rolle des Daland. Ein heillos naiver, unzeitgemäßer Familienkapitän, der einen patriarchalisch geprägten Treuebegriff pflegt. Die schöne und gepflegte Stimme dezent, in kleinbürgerlicher Zurückhaltung einsetzend. Ansprechend und charmant füllt Mezzosopranistin Susanne Schimmack die kleine Partie der Mary aus. Mit begeisternder Textverständlichkeit und Verve singt Hans-Jörg Bock mit strahlendem Tenor den Steuermann.

Das Publikum spendet fünfzehn Minuten herzlichen Applaus, das Regieteam zu Recht eingeschlossen. Natürlich befinden sich wieder mindestens hundert Musikkritiker bei der Premierenfeier. Die ihre kleinen Abers und ihr großes Ja zum Ausdruck bringen. Aber genau das macht den Charme dieser kleinen Insel Oper im Meer der globalisierten Trivialisierung und Kommerzialisierung des Daseins aus.

Frank Herkommer

 

Musik: 5 Sterne

Gesang: 5 Sterne

Regie: 5 Sterne

Bühne: 5 Sterne

Publikum: 4 Sterne

Chat- Faktor: 4 Sterne